Transzendenz und Gemeinsinn als Ressourcen politischer Ordnungskonstruktion
Wie politische Ordnungen konstruiert sind, hängt davon ab, wie Menschen jene Situationen definieren, welche es aus ihrer Sicht nötig machen, Institutionen einzurichten. Eine bestimmte Situationsdefinition zieht also das Hinwirken auf eine bestimmte Ordnungsform nach sich. Untersucht wird, welche Vorstellungen von Transzendenz und Gemeinsinn dabei leitend sind. Das Teilprojekt analysiert die prägenden Diskurse der Bundesrepublik Deutschland, der Friedlichen Revolution und des Aufbaus der neuen Bundesländer sowie der Errichtung und Ausgestaltung des europäischen Institutionensystems.

- Hambacher Fest (Montage): Gemeinsinn als Produkt geteilter Situationsdefinitionen
Politische Ordnung entsteht aus der Herstellung und Durchsetzung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen. Deren Geltung und Fortbestand hängt ab von Prozessen gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion. Kern von diesen sind Situationsdefinitionen und von ihnen angeleitete Handlungen. Das berühmte Thomas-Theorem beschreibt diesen Zusammenhang wie folgt: „Wenn Menschen eine Situation als gegeben definieren und ausgehend von dieser Situationsdefinition handeln, dann sind die Folgen dieses Handelns real, ganz gleich, wie irreal die jenem Handeln zugrunde liegende Situationsdefinition war.“ Derart angeleitete Handlungen pflegen in vielfältigen Institutionalisierungen zu enden, die durch wirklichkeitskonstruktive Praktiken (re-)stabilisiert und als Rahmen weiterer (politischer) Interaktion genutzt werden. Den Situationsdefinitionen wiederum liegen meist solche Diskurse voraus, in welchen geprägt wird, wie eine Situation denn nun zu definieren sei. Wer die Konstruktion politischer Ordnung verstehen und erklären will, wird also die Praxen und Ressourcen konkret wirklichkeitskonstruktiven Handelns ebenso untersuchen müssen wie die solches Handeln prägenden Situationsdefinitionen sowie die alledem vorgelagerten Diskurse.
Im Teilprojekt I sollen insbesondere diese situationsdefinierenden Diskurse vergleichend in drei Fällen untersucht werden. Analysiert werden erstens Aufbau, Stabilisierung und Geltungssicherung der politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und der Gegenwart; zweitens Aufbau, Stabilisierung und Geltungssicherung der politischen Ordnung der seit dem Zweiten Weltkrieg entstehenden Europäischen Union; und drittens die Destabilisierung der DDR , die gestalterischen Orientierungsversuche in der Friedlichen Revolution sowie der anschließende Neuaufbau politischer Ordnung in den neuen Bundesländern bis heute. Im Einzelnen wird durch Dokumentenanalyse, Gruppendiskussionen und qualitative Interviews empirisch ergründet, welche Rolle Verweise auf ‚Transzendenz‘ und ‚Gemeinsinn‘ als Ressourcen der (De-) Konstruktion, Stabilisierung oder Veränderung politischer Ordnung jeweils spielten. Über den Begriff der ‚Transzendenz‘ werden dabei jene Diskurse, Praktiken, Semantiken und Symbolformen zum Untersuchungsgegenstand, in denen politische Strukturen und Prozesse auf Vorstellungen, Ereignisse, Figuren und kulturelle Muster bezogen werden, die über sie hinausgehen und ihnen dadurch jenen Sinn und jene Geltung vermitteln, die für Eigenwahrnehmung, Selbstreflexion und Handlungsorientierung notwendig sind. ‚Gemeinsinn‘ wiederum erfasst jene – von einer (werdenden) politischen Gemeinschaft (mehr und mehr) geteilten – kognitiven, motivationalen, kommunikativen und symbolischen Diskurse und Praktiken, die generalisierte Sinnwelten erzeugen und die Grundlage für koordiniertes Handeln sowie eine Voraussetzung für die Herstellung politischer Ordnung bilden.
Empirische Analysen zu alledem versprechen tiefgehende und auch für aktuelle Debatten wichtige Einsichten in die soziomoralischen Grundlagen der aus der Katastrophe des Nationalsozialismus hervorgegangenen und – wider ursprüngliche Befürchtungen – so stabilen politischen Ordnung (West-)Deutschlands; in die – nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sowie seit der Wiedervereinigung sehr komplizierten – soziomoralischen Grundlagen der so ganz noch nicht stabilisierten politischen Ordnung der neuen Bundesländer; sowie in die soziomoralischen Grundlagen der – aus dem ‚Europäischen Bürgerkrieg‘ hervorgegangenen und während mehreren Vertiefungs- und Erweiterungsschritten immer wieder Belastungsproben unterzogenen – politischen Ordnung des europäischen Staatenverbundes. Zu alledem werden solche politischen Diskurse, von ihnen geprägte Situationsdefinitionen und von diesen letzteren angeleitete ordnungsgenerierende Praxen/Politiken empirisch untersucht, die ihrerseits zu langfristig folgenreichen Institutionalisierungen führten – beispielsweise zur ‚Westintegration‘ (West-) Deutschlands, zur Übernahme der westdeutschen politischen Ordnung nach der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland oder zum Aufbau des politischen Systems der heutigen EU . Die konkrete Auswahl aus den grundsätzlich einschlägigen Diskursen richtet sich dabei nach der Reichhaltigkeit ihrer Bezüge auf Transzendenz und Gemeinsinn.
Projektleitung
Kontakt
Raum: BZW/A-532
Tel.: +49 351 463-35779





