Das Fortschrittsversprechen von Technik und die Altruismusbehauptung der Ingenieure in der technokratischen Hochmoderne (ca. 1880 - 1970)
Zwischen 1880 und 1970 beflügelte der Glaube an den technischen Fortschritt einen Technikenthusiasmus, der zu einer der zentralen Geltungsgeschichten der Hochmoderne geriet. Dieses Phänomen ist in hohem Maße erklärungsbedürftig. In dem Maße, wie das Vertrauen in die Fähigkeiten der Technik wuchs, soziale und kulturelle Probleme lösen zu können, erfuhr Technik eine nahezu heilsgeschichtliche Bedeutung. Diese Entwicklung scheint vor allem durch eine selbst attestierte Gemeinwohlorientierung der Ingenieure gefördert worden zu sein. Das Projekt untersucht, wie eine weithin akzeptierte Altruismusformel die partikularen Interessen der Ingenieure zu einer statuserhöhenden und gegen Kritik immunisierenden Gemeinsinnsbehauptung transzendierte.

- Gedenktafel für die Opfer des Absturzes der B-152, 1959, Friedhof Dresden-Klotzsche
Zu den prägenden Phänomenen der „technokratischen Hochmoderne“, die sich in etwa auf die Jahre zwischen 1880 und 1970 eingrenzen lässt, zählt ein szientistisch befeuertes Fortschrittsversprechen von Technik. Dieses diente auch dazu, Zukunft und Technik als Ressourcen zur Erfahrung von Transzendenz zu erschließen. Wir können diese Epoche zwar auf diese Weise charakterisieren, doch wissen wir noch viel zu wenig über die konstituierenden und stabilisierenden Bedingungen, die deren Einheit und Epochencharakter begründeten. Daher gilt das erkenntnisleitende Interesse unserer Forschungen jenen Konstellationen, die für die Entstehung und das robuste Beharrungsvermögen eines omnipräsenten Technikoptimismus sorgten, der auf der Vermutung unbegrenzter Steigerungsfähigkeit für das Gemeinwohl einsetzbarer technischer Mittel gründete.
Die zentrale Hypothese unseres Forschungsprojektes ist, dass eine Altruismusbehauptung der Ingenieure, die als Hauptträger der „technokratischen Hochmoderne“ identifiziert werden können, den technisierten Fortschrittsoptimismus mit einem hohen Maß an Vertrauenswürdigkeit und Faszination ausstattete. Über die Altruismusformel wurden partikulare Interessen dieser Berufsgruppe zu einer statuserhöhenden und gegen Kritik immunisierenden Gemeinsinnsbehauptung transzendiert. Während erstens die Altruismusbehauptung für die Gruppe der Ingenieure einen gemeinsamen Bezugspunkt bildete und in diesem Sinne gemeinsinnig war, formten technisierte Fortschrittserwartungen zweitens einen über diese Gruppe hinausgreifenden „common sense“, der den zu untersuchenden Zeitraum „technokratische Hochmoderne“ in seiner Gesamtheit charakterisiert. Ingenieure scheinen sich drittens nicht nur eine innovative Funktion zugewiesen, sondern ebenso, indem sie technischem Handeln per se eine Gemeinwohlorientierung attestierten, eine kurative Funktion reklamiert zu haben. Leitfrage unserer Untersuchungen ist daher, in welchem Ausmaß die von uns angenommene Altruismusbehauptung normativ konnotierten technischen „Fortschritt“ wesentlich gestützt und wiederholt befruchtet hat, vice versa aber auch, wie das technischem Wandel eingeschriebene Zukunftspathos die Gemeinsinnsbehauptung der Ingenieure stabilisiert und vitalisiert hat.
In dem Teilprojekt werden drei systematisch und historisch eng verwobene Diskursbereiche unterschieden, in denen sich Selbst- und Fremddeutungen der Ingenieure sowie das Fortschrittsversprechen der „technokratischen Hochmoderne“ einerseits zwar aufeinander Bezug nehmend formierten, zum anderen gleichwohl in je spezifischer Form manifestierten. Diese Diskursbereiche bilden zugleich von einander abgrenzbare Untersuchungsfelder unseres Forschungsprojekts: Erstens werden die Einführung von neuen Technologien sowie der Umgang mit denselben in den Blick genommen. Dabei dienen Energie- und Produktionstechnologien sowie die Technisierung des Alltags als Beispiele. Zweitens werden in einem weiteren Forschungsfeld Konzeptionen des technisierten Zukunftspathos in Gestalt technischer Utopien untersucht. Drittens werden schließlich die Wahrnehmung von und der Umgang mit riskanten Technologien sowie technischen Katastrophen als vermeintlicher Kontrapunkt zu den Fortschrittsversprechungen und Altruismusbehauptungen fokussiert.
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