Teilprojekt S

Das Ethos der Freundschaft.

Diskurse und Narrationen von Gemeinsinn in der mittelalterlichen Literatur

Im Forschungsprojekt sollen die Semantiken und Aneignungsformen von Freundschaft in diskursiven und narrativen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts aufgezeigt und ihre Tragweite für unterschiedliche Entwürfe von Gemeinsinn untersucht werden. Denn in diesem Zeitraum haben zahlreiche Konzeptionen der Freundschaft miteinander konkurriert. Mehr als um eine kontinuierliche Entwicklung des Freundschaftsbegriffs geht es um dessen diskontinuierliche Aneignung. Dazu soll Freundschaft an differenten Beziehungskonstellationen innerhalb und zwischen den Geschlechtern sowie an verschiedenen Darstellungsformen untersucht werden.

Diskurse und narrative Texte des 12. und 13. Jahrhunderts thematisieren Freundschaft als Grundlage der Stiftung von Gemeinsinn unter unterschiedlichen Aspekten. Grundsätzlich lassen sich öffentlichkeits- und privatheitsbezogene Modelle der Freundschaft unterscheiden. Freundschaft kann als ein Code der Öffentlichkeit fungieren, der in erster Linie politisch-soziale Vernetzungen bezeichnet, aber auch als ein Code von Intimität, der enge, gegenüber Dritten abgegrenzte persönliche Bindungen und die ihnen eigenen Kommunikationsstrukturen markiert. Daraus ergeben sich folgenreiche Ambiguitäten für den Begriff des Gemeinsinns, weil die Reichweite des je Gemeinsamen in der Binnenperspektive der Akteure und der an sie sozial herangetragenen Erwartungen nicht durchweg kongruent ist: So kann der Sinn für das Gemeinsame der Freundschaft ebenso als Stabilisierung von Gemeinsinn des Sozialverbandes wie als konkurrierende Loyalität des davon distinkten Freundschaftsbundes begriffen werden. In den untersuchten Texten erscheint Freundschaft einerseits als Transzendenzfigur, insofern sie als spontane, affektive Verbindung willentlicher Verfügung entzogen ist, andererseits werden bestimmte Konzeptionen von Freundschaft in religiöser Transzendenz fundiert oder auf diese hin entworfen.

Ziel des Projekts ist, anhand von Freundschaftsdiskursen und narrativen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts die jeweilige semantische Ausgestaltung des Freundschaftsbegriffs aufzuzeigen und seine Bedeutung für die Konstruktion von Gemeinsinn zu untersuchen. In dem angesprochenen Zeitraum und den unterschiedlichen Wissensdiskursen, literarischen Gattungen und Texten haben zahlreiche Konzeptionen der Freundschaft nebeneinander gestanden, miteinander konkurriert oder einander abgelöst. Mehr als um eine kontinuierliche Entwicklung des Freundschaftsbegriffs geht es daher um seine diskontinuierlichen Aneignungsformen in unterschiedlichen Feldern philosophischtheologischer Diskurse und narrativer Texte sowie die sich daraus ergebenden Spannungen. Damit verbunden ist die Frage, ob, und wenn ja, in welchen Fällen, Freundschaft zu den Gemeinsinnskonstruktionen von Verwandtschaft oder Liebe kompetitiv oder komplementär gedacht worden ist und welche Funktion sie in ihrer jeweiligen Ausformung für die Ordnung der Geschlechter gehabt hat. Das Projekt geht von der Annahme aus, dass sich dies für das hohe Mittelalter nicht einheitlich beantworten lässt. Unter Bezug auf die Perspektive vom Mittelalter als einer aus unterschiedlichen Kulturen (der herrschaftlichen, der höfischen, der monastischen Kultur) zusammengesetzten Epoche wird vielmehr untersucht, wie sich diese Kulturen wechselseitig ignoriert, beeinflusst oder transformiert haben und welche Folgen dies für die Konstruktionen von Gemeinsinn mittels des Freundschaftsbegriffs und seiner Transzendierungsleistungen gehabt hat.

Projektleitung

Prof. Dr. Marina Münkler
Lehrstuhl für Ältere und Frühneuzeitliche Literatur und Kultur