Tradition, Vernunft, Gott.
Zur wechselnden Fundierung gemeinsinnigen Handelns vom Ausgang der Republik bis in die Umbruchphase des 3. Jahrhunderts
Gemeinsinn ist stets prekär und muss immer wieder unter neuen Bedingungen begründet und gesichert werden. Als praktische Orientierung und Stabilitätsressource der sozialen und politischen Ordnung wird er „im literarischen Diskurs der Römer insbesondere durch den Bezug auf die Tradition, auf die menschliche Vernunftnatur und auf göttliche Transzendenz fundiert. Anhand von Texten aus der Zeit vom Ende der Republik bis in das dritte nachchristliche Jahrhundert will das Projekt diese Begründungsweisen in ihrer wechselseitigen Verschränkung und ihrem historischen Wandel analysieren, um so zu einem genaueren Bild römischer Gemeinsinnigkeit beizutragen.

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In der Zeit der ausgehenden Republik entstand bei vielen römischen Konservativen das Gefühl, dass das Engagement der Bürger für die res publica, der Gemeinsinn, der als eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des römischen Staates angesehen wurde, nicht mehr gegeben, ja dass „die gemeinsame Sache verlorengegangen“ sei (Cicero). Allerdings ging die res publica Romana nicht unter; vielmehr kam es in den letzten Jahrzehnten v. Chr. wenn auch unter gleichzeitiger Umgestaltung der politischen Strukturen – zu einer dauerhaften Restabilisierung des Staatswesens, das schließlich trotz weiterer Krisen und Veränderungen noch mehrere Jahrhunderte Bestand hatte. Diese Restabilisierung war nicht nur der Wiedergewinnung des Gemeinsinns zuzuschreiben. Doch war jedenfalls in den ersten zwei Jahrhunderten der Kaiserzeit in den Oberschichten hinreichend bürgerliches Engagement vorhanden, um das Funktionieren des neu strukturierten Staatswesens zu gewährleisten. Unklar ist jedoch, auf welcher Grundlage sich das entsprechende Verhalten realisierte. Bei der Arbeit des Teilprojektes soll es darum gehen, vor dem skizzierten Hintergrund Texte aus der Zeit von der ausgehenden Republik bis in die politische, gesellschaftliche und kulturelle Umbruchszeit des 3. Jahrhunderts in Hinblick auf ihren Beitrag zur Fundierung gemeinsinnigen Handelns vergleichend zu analysieren.
Schon ein erster Blick auf die Texte lässt erkennen, dass Gemeinsinn in ihnen nicht nur – ja nicht einmal hauptsächlich – zweckrational vom gemeinsamen Nutzen her begründet wird. Vielmehr stehen daneben andere Modi der Begründung, welche die Prinzipien des Handelns auf Transzendenzen beziehen, d. h. auf Unverfügbarkeiten, die den alltäglichen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen entzogen sind. Insbesondere drei derartige Begründungsmodi sind hier zu nennen: die ursprünglich römische Begründung aus der Tradition des mos maiorum, also der Bezug auf die Sitte der Vorfahren, die von der griechischen Philosophie inspirierte Begründung aus der menschlichen Vernunftnatur und die vor allem christliche Begründung aus einer göttlichen Transzendenz.
Wenn diese Reihenfolge auch einen historischen Verlauf abzubilden scheint, so wäre doch ein solches Modell zu einfach. Das Teilprojekt arbeitet vielmehr mit der Hypothese, dass – auch wenn die Abfolge der drei Begründungen eine generelle Tendenz möglicherweise zutreffend erfasst – die Modi der transzendenten Fundierung gemeinsinnigen Handelns fast immer miteinander verschränkt auftreten. Schon seit der mittleren Republik werden leitende Konzepte der kollektiven Moral nicht nur als konstitutive Komponenten der Tradition festgeschrieben, sondern in Form besonderer Kulte religiös überhöht. In den Dialogen eines Cicero und eines Seneca ist philosophisches Denken durchgehend mit dem römischen mos maiorum-, virtus- und exempla-Diskurs verwoben. Das entscheidende Argument wird häufig genug aus diesem gewonnen. Schließlich ist in den christlichen Texten das Verhältnis von Vernunft und Gott ebenso Gegenstand der Diskussion, wie das Verhältnis von christlichem Glauben und römischer Tradition immer wieder aufs Neue bestimmt wird.
Freilich unterlagen nicht nur die Modi der Fundierung von Gemeinsinn, sondern auch dessen Bezugsgröße der Variation und dem Wandel. Mit der Entwicklung Roms vom Stadtstaat zum Weltreich wurde die res publica, auf die der Gemeinsinn und damit auch dessen in den Texten fassbare Begründungen anfänglich bezogen waren, immer abstrakter. Für die Menschen gewannen daneben kleinere politische, soziale und religiöse Gemeinschaften vermehrt an Bedeutung, in denen sich Gemeinsinn in einem überschaubaren Rahmen entfalten konnte. Gemeinsinn, der sich auf diese kleineren Gemeinschaften bezog, konnte mit oder ohne Rückbezug auf die salus rei publicae oder sogar in betontem Gegensatz zu dieser verwirklicht werden. Es versteht sich von selbst, dass die Analyse solcher Konkurrenzkonstellationen Bestandteil der geplanten Forschungsarbeit sein wird.
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