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22. March 2012 16:27

"Freundschaftszeichen. Gesten, Gaben und Symbole von Freundschaft in mittelalterlichen Erzählungen und Diskursen"

von Torsten Hänel in Veranstaltungen
Eine Tagung des Teilprojektes S (Prof. Dr. Marina Münkler) vom 19. bis 21. April 2012 in Dresden.

Freundschaft kann für das Mittelalter als eine Form der Vergemeinschaftung gefasst werden, die neben anderen Formen, wie Verwandtschaft und Bruderschaft, besteht, wie diese aber erhebliche Lasten zu tragen hat, weil sie sich vor dem Hintergrund der Konstruktionen sozialer Ordnung in vorstaatlichen Gesellschaften entwickelt,  in denen eher personale Bindungen als institutionelle Ordnungen den Zusammenhalt garantierten.  Als Beschreibungsformel wie Verhaltensimperativ kommt Freundschaft damit eine eminente Bedeutung zu.

Fasst man Freundschaft als Vergemeinschaftungsform, ist davon auszugehen, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion von Gemeinsinn leistet, der als gemeinsamer Sinn der Individuen und individueller Sinn für das Gemeinsame umrissen werden kann,  indem sie gemeinsamen Sinn herstellt und stabilisiert. Freundschaft kann als intime Exklusionsbeziehung aber auch Gemeinsinn in Frage stellen und damit gefährden. Sie steht damit in einem Spannungsverhältnis zwischen der Exklusivität der Freundschaftsdyade und ihrem Nutzen für die Gemeinschaft.

Da die Gesellschaft des Mittelalters als Präsenzgesellschaft organisiert ist, müssen Freundschaften nicht nur eingegangen, sondern auch inszeniert werden. Dies rückt die Kategorie „Raum“ in das Blickfeld, die grundsätzlich in privat und öffentlich unterschieden werden muss, wenngleich diese Gegenüberstellung für das Mittelalter als durchaus fragil gefasst werden muss.  Private Räume scheinen geeignet, das Maß an Intimität zu gewährleisten, das die Sonderdyade Freundschaft benötigt, um sich von Dritten abzugrenzen und eigene Kommunikationsstrukturen auszubilden. Öffentliche Räume dagegen schaffen Sichtbarkeit für die Inszenierung von Freundschaft vor einem gesellschaftlich relevanten Publikum. Die Freundschaftsdyade positioniert sich hier im Blickfeld der Gemeinschaft der Anderen, und wirft somit die Frage auf, in welcher Weise Visibilität und Invisibilität von Freundschaft miteinander verknüpft sind.

Problematisch erscheint dabei das generelle Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, denn das unsichtbare, die Freunde einigende Band muss zu einem gewissen Teil sichtbar gemacht werden. Das bedeutet nicht, dass der Freundschaftsbund durch Gesten und Zeichen vollständig nach außen transparent ist, vielmehr eignet ihm eine Opazität, die anzeigt, dass Freundschaft auch eine Transzendenzfigur bildet, weil sie nicht für jeden zugänglich und von außen vollständig in ihren komplexen Dimensionen erkannbar ist. Die Visibilität von Freundschaft als Sonderhorizont des Verhaltens und Handelns innerhalb der Gemeinschaft muss erst als eigene kommunikative Ordnung hergestellt werden und bedient sich dabei der konnotativen Ausbeutung  schon institutionalisierter Zeichensysteme.

Freundschaft setzt also Sinn- und Verhaltenshorizonte wie lehnsrechtliche, höfische oder monastische Normen und Werte voraus, deren Semantiken kommunikative Anschlussfähigkeit erzeugen und Verhalten erwartbar machen. Dadurch entsteht jedoch ein Stabilisierungszwang, der darauf zielen muss, Freundschaft von anderen kommunikativen Ordnungen wie z.B. Liebe abzugrenzen und sie als Kommunikationsmedium neben anderen Kommunikationsmedien wie Liebe zu etablieren.

Die Tagung soll danach fragen, ob und wenn ja, wie öffentlichkeitswirksame und damit eher politische Freundschaftsmodelle von exklusiven Zweierbeziehungen, also eher privatheitsbezogenen Modellen, zu unterscheiden wären und welche Gesten, Zeichen und Symbole ihnen je zuzuordnen wären.

Die Tagung lädt dazu ein, Strategien mittelalterlicher Diskurse und Erzähltexte zu diskutieren, die das unsichtbare Band der Freundschaft sichtbar machen. Gefragt werden soll nach den Zeichen (Gesten, Gaben, Ritualen) und Symbolen von Freundschaft.  Wird Freundschaft, und wenn ja wie, als exklusive Zweierbeziehung in der Gemeinschaft der epischen Welt begründet, gestaltet und legitimiert? Welche Zeichen, Gesten und Symbole von und für Freundschaft lassen sich in mittelalterlichen Texten beschreiben. Hat Freundschaft ihren Ort in der Öffentlichkeit oder ist sie im Privaten verborgen? Was leistet Freundschaft im Hinblick auf die Gemeinschaft und wann ist ihre Leistungsfähigkeit erschöpft? Woran und wodurch wird sie sichtbar?

Die Tagung wird vom Teilprojekt S: „Das Ethos der Freundschaft. Diskurse und Narrationen von Gemeinsinn in der mittelalterlichen Literatur“ vom 19. bis 21. April 2012 durchgeführt.

ZUM PROGRAMM

Um eine Anmeldung wir gebeten!

Ansprechpartnerin:

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Sitz: BZW/A 523
Tel.: +49 (351) 463-37545
E-Mail: katja.lasch@tu-dresden.de

 

 

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